NEWS / November 2007 www.bsda-cambodia.org
BSDA - Buddhism and Society Development Association, Kampong Cham, Cambodia
Mathematik stört beim Meditieren
Ein buddhistischer Mönch sorgt in Kambodscha für Bildung unter den Ärmsten
(2007) - Iris Lemanczyk, Stuttgart
imageDieses Lachen! Laut, herzhaft, spontan, ansteckend. Vandong Thorn lacht oft. Es ist die Zuversicht, die ihn lachen lässt. Und die Motivation, die unbändige Energie des buddhistischen Mönches. Vandong Thorn ist ein Macher. Er will Veränderungen, Verbesserungen für die Menschen in seinem Land, in Kambodscha. Ausgerechnet in Kambodscha, einem der ärmsten und korruptesten Länder der Welt, wo selbst Ministerposten käuflich sind. „Wenn wir nichts tun, kommt unsere Gesellschaft nie hoch“, sagt der 26-Jährige mit der allergrößten Selbstverständlichkeit.

Gemeinsam mit einem Mitbruder hat er sich vor zwei Jahren überlegt, woran es in ihren bitterarmen Gemeinden mangelt. An Vielem, auch an Bildung und Perspektive. „Ich stamme selbst aus einer sehr armen Familie. Als Kind konnte ich nicht zur Schule, weil ich auf die Kühe aufpassen und auf dem Reisfeld arbeiten musste. Erst als mich meine Eltern mit 12 Jahren ins Kloster schickten, bekam ich Unterricht“, erklärt er – lacht und zupft seine orangene Robe zurecht. Dort, im Kloster Wat Nokor, bei der Provinzstadt Kompong Cham lebt er noch immer.

Bildung wurde zu seinem Thema. Darum gründete er BSDA, Buddhism and Society Development Association. Die Anfänge waren mühsam. Die beiden Mönche suchten Mitstreiter unter ihren Brüdern und freiwillige Helfer. Sie klapperten die windschiefen Baracken der Slumbewohner ab, predigten von der Wichtigkeit der Bildung. „Überzeugungsarbeit ist hier sehr schwierig, denn wer täglich ums Überleben kämpft, denkt nur an heute, nicht an die Zukunft“, erklärt Vandong Thorn voller Verständnis.

Doch er blieb hartnäckig. Er verhandelte mit der ortsansässigen Schule und bekam die Genehmigung ab 17 Uhr, wenn der normale Schulbetrieb beendet ist, die Schule zu nutzen. Angefangen haben sie mit einer Handvoll Lernwilliger. Heute unterrichten sie täglich über 1000 Kinder und junge Erwachsene, abends, wenn selbst die Kinder bereits einen harten Arbeitstag hinter sich haben. Sie können nicht die öffentlichen Schulen besuchen, denn tagsüber müssen sie betteln oder Aluminium sammeln oder irgend etwas Essbares auftreiben. Sie haben keine Zeit für die normale Schule – und kein Geld. Offiziell sind Schulen in Kambodscha kostenlos. Da aber ein Lehrergehalt mit 50 Euro im Monat hinten und vorne nicht ausreicht, verlangen Lehrer Geld von den Schülern. „Fünf Euro pro Schüler, das ist für die meisten hier unbezahlbar“, sagt der Mönch bedauernd. Der Unterricht der Mönche dauert zwar nur zwei Stunden, ist dafür aber kostenlos.

Obwohl die Zahl der Armen in den letzten Jahren etwas zurückgegangen ist, leben immer noch 35 Prozent der Kambodschaner von weniger als einem Euro pro Tag. Nicht einmal die Hälfte der Kinder schließt die Grundschule ab.

Für viele Kinder, die gerne lernen würden, ist die Mönchs-Schule einfach zu weit weg. Darum kommt die Schule, die „mobile school“ zu ihnen. Planen werden auf dem Boden ausgelegt, eine Tafel aufgestellt. Schon eine halbe Stunde bevor der Lehrer mit dem Unterricht beginnt, sitzen die ersten Wißbegierigen bereit. Nicht nur Kinder, auch Erwachsenen nutzen die vier mobilen Schulen der Mönche, mit denen auch in die hintersten Flecken etwas Bildung gebracht wird.

Der erst 26-jährige Vandong Thorn ist beliebt in seinem Distrikt Kompong Cham, am Mekong. Und gefragt. Viele Brautleute wollen nur von ihm getraut werden, auch bei Bestattungen wird er oftmals gewünscht, ebenso bei Zeremonien zur Ahnenverehrung oder bei Haussegnungen. Seine Ratschläge, seine buddhistischen Kenntnisse, seine Weisheit bereits in jungen Jahren sorgen dafür, dass sein Terminkalender voll ist. Für diese Dienste bekommt er etwas Geld, einen Teil davon muss er seinem Kloster geben, der Rest ist für ihn. Davon hat er vier Computer gekauft, an denen die Mönche nun Computerkurse geben. „Ohne Computerkenntnisse hat man auch in Kambodscha schlechte Aussichten auf einen Arbeitsplatz“, meint Thorn. „Computerkurse sind teuer. Aber bei uns müssen die Schüler nur die Stromkosten bezahlen.“ Schon morgens um sechs sitzen die ersten Lernwilligen an den mittlerweile 20 Computern. Die unermüdliche Arbeit der Mönche zeigt erste Erfolge: zehn Absolventen ihres Kurses ergatterten bereits eine Stelle.

Nicht nur Wissensvermittlung ist dem ideenreichen Mönche wichtig, auch Tradition. Musik und traditioneller Tanz sind seine Passion, obwohl es sich für einen Mönch in seiner Position nicht gehört. Tanzen ist für ihn tabu, aber nicht für Kinder. Darum lehrt Sokhom Pin, ein 50-jähriger Tanzlehrer jeden Abend die Apsaras, die traditionellen kambodschanischen Tänze. Bis zu 200 Kinder kommen zu der einzigen Abwechslung weit und breit. Der Tanzlehrer ist ein Glücksfall für BSDA. Seine Kinder sind aus dem Haus, mit seiner Ehe stand es nicht mehr zum Besten. Darum zog es ihn ins Kloster. Pin ist kein Mönch, will auch keiner werden, aber für Kost und Logis bietet er seine Kenntnisse an. Unter den tanzbegeisterten Kindern hat er wahre Talente entdeckt - und Thorn, der rührige Mönch, konnte für eines der Mädchen ein Tanz-Stipendium auftun.

Eigentlich sind die Tage der Mönche auch ohne BSDA ausgefüllt: zwischen 4 und 5 Uhr morgens steht Vandong Thorn auf, betet, meditiert frühstückt, studiert die Schriften und geht selbst noch zur Schule. Dieses Jahr wird er sein Abitur machen. Bis 17 Uhr ist Schule – wenn keine Hochzeit oder Beerdigung dazwischen kommt - danach geht er in sein kleines Büro oder in die Gemeinden und schaut, wo der Schuh drückt. Ab 19 Uhr stehen Besprechungen an oder Büroarbeit und die unermüdliche Suche nach Geldgebern. Mehr als vier, fünf Stunden Schlaf bekommt er selten. „Das ist ausreichend, wenn ich gut meditieren kann“, meint er und fügt lachend hinzu: „Nur wenn ich mich mit einem mathematischen Problem rumschlage, klappt die Meditation nicht.“

Ein ganz anderes Problem hat BSDA gemildert. Zur Gemeinde von Vandong Thorn Kloster zählen auch Fischer, die in armseligen Hütten am Mekongufer lebten, das Land gehört der Stadt. Es wurde verkauft, die Fischer mussten weg. Sie wurden landeinwärts umgesiedelt. Weit weg vom Fluss, der ihre Einkommensquelle war. Ackerland, das sie bewirtschaften könnten, haben die 40 Familien nicht. Ein soziales Netz gibt es in Kambodscha nicht. Die Verzweiflung wuchs. Die Mönche überlegten, was machbar wäre. Pilze war die Lösung, die ehemaligen Fischer können Pilze züchten. Pilze brauchen nicht viel Platz und werden in Kambodscha gerne gegessen. Ein Hoffnungsschimmer, aus Dankbarkeit warfen sich die Fischer vor dem Mönch in den Sand.

Vandong Thorn ist nicht nur Direktor von BSDA, er ist auch zuständig für die Novizen, die jungen Mönche. Und er kennt ihren Kummer genau. „Ich weiß wie schwer es anfangs im Kloster ist. Ich dachte immer, meine Eltern lieben mich nicht, weil sie mich hierher gebracht haben. Ich hatte solches Heimweh – und ständig Hunger.“ Denn Mönche dürfen nur von Sonnenaufgang bis zwölf Uhr mittags essen. Die Novizen müssen morgens lange Strecken marschieren, um Essen zu erbetteln. Sie gehen von Haus zu Haus, warten und geben im Gegenzug zum Essen ihre Segnungen für die Spender.

Längst muss Thorn nicht mehr selbst losziehen, längst ist er ein Pikho, ein erfahrener Mönch. Und einer mit Wünschen. Er möchte mehr Geld haben, um den Drogensüchtigen im Dorf helfen zu können. Und von einer eigenen Webseite im Internet träumt er, damit BSDA bekannter werden würde. Außerdem möchte er eine Hütte bauen, in denen die Kinder auch bei Regen tanzen können, auch vor Publikum. Die Hütte würde an die 6000 Euro kosten, für ihn noch ein Traum, aber „auch Träume können in Erfüllung gehen“, sagt er und lacht sein ansteckendes Lachen.

Iris Lemanczyk, Stuttgart, Germany, November 2007
http://www.irislemanczyk.de